schnittstellen-guerilla
Jens Uehlecke, Hamburg, Juni 2002

Instant Messaging ist eigentlich die ultimative Form der Netzkommunikation in Echtzeit. Eigentlich, denn dieselben Konzerne, die dauernd die digitale Zukunft beschwören, behindern die IM-Systeme ihrer Konkurrenten, wo sie nur können. Doch Jeremie Miller und die Jabber-Bewegung haben der profitmotivierten Zersplitterung den Kampf angesagt.

Wie ein charismatischer Revolutionsführer sieht Jeremie Miller nicht gerade aus: Braver Haarschnitt, frisch gebügeltes Hemd, harmloses Lächeln - das Äußere des 27-jährigen erinnert eher an das eines Buchhalters als an das eines Rebellen. Und so überrascht es kaum, wenn Miller zugibt, dass er bis vor zwei Jahren seine Heimat, den ländlichen US-Bundesstaat Iowa, weder verlassen, noch jemals daran gedacht hat.

Dass Miller diese Woche trotzdem nach München kam und dort als Held einer weltweiten Bewegung empfangen wurde, sind Konzerne wie AOL Time Warner, Microsoft und Yahoo Schuld. Diese verbreiten seit einigen Jahren so genannte Instant Messenger (IM) in der Internet-Gemeinde - kleine Programme, mit denen Datenreisende parallel zum Web-Surfen in Echtzeit miteinander kommunizieren können. Schätzungsweise 350 Millionen solcher Programme verrichten bereits weltweit ihren Dienst. Allerdings mit einer erheblichen Schwäche - die meisten sind Insellösungen. Wer bei dem einen Service angemeldet ist, kann nicht mit den Mitgliedern des anderen plaudern. „Das ist etwa so, als könnte ich mit meinem Telefon in Iowa nicht nach Los Angeles telefonieren, weil dort eine andere Gesellschaft das Telefonnetz betreibt“, schimpft Miller. Vorsintflutlich, fand er und begann deshalb vor drei Jahren begann, einen eigenen Instant Messenger mit dem Namen „Jabber“ zu entwickeln. „Jabber“ steht für „Geplapper“, ein „jab“ ist aber auch ein gezielter Schlag beim Kickboxen - und den möchten Miller und AOL & Co gerne verpassen.

Auf den ersten Blick gleicht das Jabber-Prinzip dem der Konkurrenten: Hat sich das IM-Programm auf der Festplatte häuslich eingerichtet, meldet es sich bei einem zentralen Verzeichnis an, sobald eine Verbindung ins Internet aufgebaut wird. Dessen Einträge vergleicht es mit einer lokalen „buddylist“ („Kumpelliste“), in die der Anwender seine Freunde und Kollegen eingetragen hat. Gibt es Übereinstimmungen, sind also „buddies“ gleichzeitig online, listet es deren Spitznamen auf. Ein Mausklick genügt, um eine Nachricht zu verschicken. Diese erreicht den Empfänger binnen weniger Augenblicke und überholt dabei auf der Datenautobahn so manche E-Mail.

Dass Jabber aber noch weit mehr kann als andere Messenger, führte Miller kčrzlich auf der ersten europäischen Jabber-Konferenz in München vor. So klinkt sich das Programm zum Beispiel auch in die Konkurrenz-Netze ein und ermöglicht seinen Nutzern damit grenzenlose Verständigung. Zudem ist Jabber aus einem neuen Protokoll auf Basis der Internet-Sprache XML gestrickt, mit dem beliebig viele Server untereinander kommunizieren können. So gibt es im Jabber-Netz nicht nur ein zentrales, sondern zehntausende Verzeichnisse die gemeinsam für Stabilität sorgen.

Das passt zur Jabber-Geschichte: Nachdem Jeremie Miller im Netz zum Angriff geblasen hatte, schlossen sich ihm tausende Programmierer an. Die Aufständischen folgten einem simplen Manifest: 1. Das Netz gehört niemandem. 2. Jeder kann es benutzen. 3. Jeder darf es verbessern. Und wie es sich für Idealisten gehört, startete Jabber als Open Source-Projekt, das heißt alle Quellcodes sind frei. Jeder darf sie nach Belieben verändern und an seine Bedürfnisse anpassen. Offenbar erfolgreich: Auf der Webseite jabbercentral.org finden sich mittlerweile rund 50 verschiedene Messenger für alle erdenklichen Betriebssysteme und Geschmäcker. Zudem gibt es noch eine Reihe anderer Anwendungen - ein britischer Programmierer etwa hat seine Kaffeetasse aufgemotzt. Ist sie leer, bittet sie um Nachschub.

Die Gegner Jabbers reagieren verärgert: AOL, das mit seinen beiden Messengern AIM und ICQ („I seek you“, zu deutsch: „Ich suche dich“) etwa zwei Drittel des weltweiten IM-Marktes beherrscht, wirft dem Projekt vor, sich illegal in AOL-Netze zu hacken und damit Sicherheit und Privatsphäre seiner Kunden zu gefährden. Kein Wunder, dass der Online-Riese versucht, Jabber-Zugriffe abzublocken – wegen der Vielzahl der Server allerdings recht erfolglos.„Wir zahlen schließlich für den Betrieb von AIM und ICQ“, rechtfertigt AOL-Sprecherin Kathy McKiernan das Vorgehen. Miller entgegnet: „Die wollen mit ihren Messengern doch nur Kunden binden und mit allen Mitteln die Kommunikation ihrer Nutzer kontrollieren – das ist, als behaupte jemand, er habe E-Mails erfunden und dürfe deswegen das Internet überwachen.“ MSN sei kaum besser: Zwar habe sich der Konzern vor zwei Jahren der Initiative IMUnified angeschlossen, die der babylonischen Sprachverwirrung unter ein Ende bereiten sollte. Doch außer heißer Luft hätte diese nichts produziert. Tatsächlich, auf Anfrage bei Microsoft heißt es, man denke nach wie vor über Interoperabilität nach, konkret gebe es aber nichts Neues.

Letztlich kann der Jabber-Gemeinde die klare Rollenverteilung zwischen Gut und Böse nur Recht sein – das hält den Mythos wach. Mit weltweit etwa einer Million Usern ist sie noch weit davon entfernt, die Großen wirklich zu gefährden. Zumal diese ihre Messenger als Zugabe zu ihren Softwares, etwa der AOL-Software oder Windows, unters Online-Volk bringen können. Aber Miller ist sich sicher: „Wenn die Jabber-Bewegung nur groß genug ist, müssen AOL und MSN irgendwann die Mauern um ihre Server einreißen.“

Wie das bei Revolutionen aber nun mal so ist, verblasst der Idealismus nach ersten Erfolgen. Mit Zustimmung Millers wurde in den USA eine Jabber Inc. gegründet, die den Standard für kommerzielle Zwecke verwerten und mit Marketing unterstützen soll. Die ersten Projekte sind bereits abgeschlossen: HP, Disney und Nokia betreiben bereits eigene Jabber-Netze an, France Telecom plant IM für Internet-Handys. „Die Idee ist, den Marketing-Power eines Unternehmens mit der Kreativität eines Open Source-Projektes zu kombinieren“, erklärt Jeremie Miller. Ein Ausverkauf seiner Ideen sei das nicht. „Für die einen bleibt das Geld, für die anderen der Ruhm.“ Und schließlich ginge es ja allen darum, das Netz zu verbessern. Dafür denkt Miller heute sogar freiwillig über die Grenzen von Iowa hinaus: „Letzte Woche habe ich mein erstes internationales Telefongespräch geführt, um meinen Flug nach Deutschland zu bestätigen.“ Was tut man nicht alles für die Revolution.

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